Gründen-Live: Mehr Kopf statt Kapital. Intelligenter Wirtschaften

Dieser Onlinekurs basiert auf den Methoden und Techniken aus dem Buch “Kopf schlägt Kapital” von Prof. Faltin. Der Kurs ermöglicht es Dir systematisch Ideen weiterzuentwickeln und diese zu einem innovativen und tragfähigen Konzept auszuarbeiten. Die Texte, Trainingsvideos und Aufgaben der neun Module führen Dich Schritt für Schritt zu Deinem Entrepreneurial Design. In der passwortgeschützten Gründen-Live Community kannst Du den Kurs jederzeit individuell beginnen. Zudem findest Du in der Mediathek viele Interviews, Links zu hilfreichen Quellen sowie inspirierende Vorträge.

Modul 5: Funktion statt Konvention

„In der Einfachheit liegt die höchste Vollendung.“

Leonardo da Vinci

1925 durchforstet Gottlieb Duttweiler im Amt der Stadt Zürich tausende von Statistiken, vergleicht die Kleinhandelspreise in anderen Städten, rechnet hin und her und entwirft ein Konzept, das sich wie ein Kriminalroman in Zahlen liest. Titel: “Wie die Züricher Lebensmittelhändler es schaffen, die Stadt zum teuersten Territorium der Schweiz zu machen und die Bürgen dabei ruhig zu halten".

Migros ein Paradebeispiel

Kurz darauf gründet Duttweiler mit Freunden zusammen die Firma Migros. Am 25.August 1925 frühmorgens fahren fünf Lastwagen los, um Ihre Waren unter die Leute zu bringen. Die Wagen führen nur sechs Artikel mit sich: Kaffee, Reis, Zucker, Teigwaren, Kokosfett und Seife. Und die nur in Großpackungen. Ein Flugblatt informiert darüber, warum diese Waren trotz hoher Qualität so billig sind. Die Wagen samt Fahrern wirken wie eine Verbraucheraufklärung auf Rädern. Heute ist Migros eine der größten Firmen der Welt.

Entrepreneure sind kreative Zerstörer

Joseph Schumpeter, der "Vater" der modernen Entrepreneurshiptheorie, definierte Entrepreneure als kreative Zerstörer. Sie bringen neuartige Produkte und/oder Prozesse auf den Markt und können ihn damit gegebenfalls kräftig durcheinanderwirbeln. Oft erreichen sie dies, indem sie sich auf die Funktion ihrer neuen Produkte / Dienstleistungen konzentrieren und mit dem Althergebrachten, der Konvention, brechen.

Das heißt im Umkehrschluss, es verspricht Erfolg, wenn ich alles, was ich vorfinde, zunächst – bis zum Beweis des Gegenteils – als Konvention ansehe. Ich sehe mir die Abläufe an, völlig respektlos, und frage, ob das, was gestern noch als vernünftig erschien, heute nicht einfacher, mit moderneren Mitteln organisiert werden kann.

 

Stelle den Prozess radikal in Frage

Ich überlege also nicht, an welcher Stelle ich eine Dienstleistung oder ein Produkt vielleicht ein wenig billiger, besser, effizienter, intelligenter oder umweltverträglicher machen kann, sondern ich stelle den ganzen Prozess radikal in Frage. Ich fange also grundsätzlich neu an zu denken, wie man unter heutigen Gegebenheiten die Funktionen organisieren könnte.

Noch ein Beispiel: Holger Johnson, Gründer der ebuero AG, hat sich das klassische Büro vorgenommen und gründlich durchdacht. Was alles macht eine Sekretärin? Was davon ist wichtig und unverzichtbar, auf welche Teile aber könnte man vielleicht verzichten?

Die ebuero AG

Fazit: Ein großer Teil der Tätigkeit sind Anrufe, die von der Sekretärin entgegengenommen werden. Manche davon kann sie selbst erledigen, wie etwa Termine machen, manche auch sofort beantworten, weil sie über die wichtigsten fünf oder zehn Fragen selbst Bescheid weiß. Andere Anrufe wird sie weiterleiten, um Rückruf bitten oder sonstwie die Kontaktaufnahme organisieren. Diese Kernaufgaben eines Büros, nicht Kaffeekochen oder Blumengießen kann man auch einfacher, moderner, mit Einsatz von Hightech lösen. Eine Software muss her, die Angaben zu den am häufigsten gestellten Fragen oder die Namen der VIPs der Firma speichert. Außerdem muss die Software aus den anrufenden Telefonnummern sofort erkennen, um welche Firma es sich handelt und blitzschnell die Angaben dazu auf dem Bildschirm zeigen. Auf diese Weise kann eine Person mehrere Büros bedienen. Die Kerndienstleistungen eines Büros werden erfüllt – aber dies nur zu rund zehn Prozent der üblichen Kosten.

 Funktion statt Konvention

Die Technik "Funktion statt Konvention" scheint leicht, ist aber in der Praxis eine radikale, anspruchsvolle Vorgehensweise: Wenn Du mit einem Produkt handeln willst, frage nicht nach Einzelheiten, nach der Verpackung etwa, dem Umkarton der Paletten, nicht nach Einzelhändler, Großhändler, Importeur, Exporteur oder anderen Vertriebsstrukturen. Frage Dich ganz einfach: Wie kann ich das Produkt vom Ursprung zum Kunden bringen? Den Ablauf so einfach wie möglich organisieren? Und Komponenten einsetzen, so dass für mich selbst nur noch die Koordination der Komponenten übrig bleibt?

 

 

 

 

 Komplexität ist der Feind des Gründers

Bei dieser Technik ist Deine Chance gerade dann am höchsten, wenn Du in einem Feld ein Anfänger und noch nicht betriebsblind bist. "Funktion statt Konvention" erfordert keine großen Vorkenntnisse, sondern lediglich eine gewisse Stringenz im Denken sowie sachliche Respektlosigkeit vor dem Gewachsenen. Wenn man sich strikt die Frage nach der Funktion stellt, taucht wie von selbst auch die Frage auf: Was kann man weglassen? Was an den konventionellen Formen ist im Grunde überflüssig und kostet nur Geld?

Ich denke dabei nicht automatisch an Verzicht. Ganz im Gegenteil. Ein Entrepreneur sollte dabei luxuriös-anspruchsvoll sein. Wie das geht? Not macht erfinderisch und entwickelt auch eine gewisse Schönheit. Wer kein Geld hat, muss kreativ sein.

Einfachheit ist ein gutes Prinzip. Komplexität ist der Feind des Gründers. Wenn Du glaubst, „weglassen“ und „Einfachheit“ seien zu schlicht, zu wenig eindrucksvoll, so gar nicht grandios – denke an den Satz von Leonardo: „In der Einfachheit liegt die höchste Vollendung.“

Jetzt bist du wieder dran: Ist Deine Idee schon so klar und einfach, wie möglich?